Nach dem Angriff auf das World Trade Center fürchten die Amerikaner nun Anschläge mit Giftgas oder tödlichen Mikroben. Experten halten es für möglich, dass frustrierte Forscher ihr Wissen an Terroristen verkaufen.
Es war ihr erster Einsatz im wirklichen Leben. 22 Spezialisten der frisch gegründeten Sondereinheit für Massenvernichtungswaffen der US-Nationalgarde suchten noch am Abend des 11. September in den qualmenden Trümmern des World Trade Center nach versteckter Todesgefahr. Die Attentäter könnten, so die Befürchtung der Amerikaner, auch chemische oder biologische Kampfstoffe über Manhattan versprüht haben.
Und vier Stunden nach dem Einsturz der Zwillingstürme jagten die Wächter der obersten Seuchenkontrollbehörde, der Centers of Disease Control and Prevention in Atlanta, eine beunruhigende E-Mail an Notrufärzte, Sanitäter und Gesundheitsstellen im gesamten Land heraus: Jede "Erkrankung, die mit den heutigen Ereignissen in Zusammenhang stehen könnte", hieß es darin, sei umgehend zu melden. Trinkwasseranlagen und Chemiefabriken wurden verschärft bewacht, für alle Atomkraftwerke höchste Sicherheitsstufe angeordnet.
Neun Spezialteams für Massenvernichtungswaffen der Nationalgarde sind inzwischen in verschiedene Regionen der USA entsandt worden. Polizisten kontrollieren die Wasserversorgung von Großstädten. Das FBI hat Landwirtschaftspiloten gebeten, beim Besprühen der Felder auf "jedwede ungewöhnliche Aktivität in Bezug auf Training, Benutzung oder Kauf gefährlicher Chemikalien oder deren Verbreitung aus der Luft" zu achten.
Seit der Attacke auf das Pentagon und das World Trade Center traut man Terroristen alles zu: Wer in der Lage ist, Flugzeuge mitsamt Passagieren in belebte Hochhäuser zu rammen, scheut womöglich auch nicht davor zurück, Tausende von Menschen gezielt mit Erregern tödlicher Krankheiten wie Milzbrand und Pocken zu infizieren oder mit Senf- oder Nervengas zu vergiften.
Im Unterschied zu Sprengstoffanschlägen würden Angriffe mit todbringenden Bakterien oder Viren anfangs gar nicht bemerkt (siehe Grafik). Die Menschen könnten die Wolke mit den Erregern weder sehen, noch riechen oder schmecken. Erst nach Tagen oder Wochen - je nach eingesetzter Mikrobe - brächen die ersten Infektionen aus. Die Befallenen würden in Praxen und Kliniken erscheinen mit Symptomen einer merkwürdigen Seuche, die nur die wenigsten Ärzte jemals gesehen haben.
Allenfalls ein Viertel der 6000 Krankenhäuser in den USA wäre auf solch einen Ernstfall vorbereitet, warnte das Fachblatt "Jama" Anfang des Jahres. Die meisten Kliniken wären kaum in der Lage, die Patienten zu isolieren und schnell genug mit den geeigneten Arzneien zu behandeln.
Angesichts des Entsetzens in den Vereinigten Staaten über den Terror wirkt das Alarmgeschrei des Epidemiologen Michael Osterholm, der schon lange vor Terrorismus mit Massenvernichtungswaffen warnt, gar nicht mehr so übertrieben: "Ein gut platzierter, wirksamer biologischer Kampfstoff kann zu Hunderttausenden von Todesfällen führen," warnt der Mediziner. Die Welt würde sich innerhalb weniger Tage in etwas verwandeln, das einer "leibhaftigen Hölle so sehr ähneln wird wie wahrscheinlich nichts, was wir vorher gekannt haben". Spätestens jetzt sei klar geworden, "dass es für Terroristen keine moralischen Hemmungen mehr gibt", stimmt Donald Henderson zu, Direktor des Center for Civilian Biodefense Studies in Baltimore. Und der frühere CIA-Direktor James Woolsey hat den Bio-Terrorismus gar als "gefährlichste aller Bedrohungen" für Amerikas Sicherheit in absehbarer Zukunft bezeichnet. Ein größerer chemischer Angriff, schätzte er, könnte 50 000 Amerikaner umbringen, ein biologischer sogar eine halbe Million.
Teil I Ende





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