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Thema: Aufstand gegen die Weltmächte

  1. #1
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    Exclamation Aufstand gegen die Weltmächte

    Jahrzehntelang benutzten die Großmächte die Afghanen für ihre Geopolitik. Dass Osama Bin Laden dabei zur Schlüsselfigur einer islamistischen Terror-Internationale aufstieg, war kein Zufall.
    Berlin - Der Tod steckte in der Kamera. Es sollte ein Interview werden, wie es Ahmed Schah Massud schon hundertmal gegeben hatte. Aber die algerischen Journalisten, die den Führer der Rebellen gegen das Taliban-Regime in seinem Versteck im Norden Afghanistans besuchten, waren nicht die Reporter, als die sie sich ausgaben.

    In ihrer Fernsehkamera steckte eine Bombe, die Explosion tötete Massud. Die Attentäter wussten, dass sie den Anschlag nicht überleben würden. Einer starb durch die Detonation, der zweite wurde von Massuds Leibwächtern erschossen. Es war Sonntag, der 9. September 2001, und die meisten Kenner der afghanischen Politik hatten sofort einen möglichen Anstifter für das Attentat im Verdacht: Osama Bin Laden.

    Zwei Tage später stürzten Selbstmordattentäter drei Flugzeuge auf New York und Washington und wieder nannten Fachleute denselben Hauptverdächtigen: Osama Bin Laden. Wahrscheinlicher Aufenthaltsort: das Kandahar-Gebirge im Süden Afghanistans.

    Die Koinzidenz der Ereignisse und die Hinweise auf den gleichen Urheber werfen ein grelles Licht auf das große Verhängnis Afghanistans: Ausgebeutet von der Kolonialmacht Großbritannien, gedemütigt von russischen Besetzern, zerstört von kriegslüsternen Stammesfürsten und schließlich erobert von fanatischen im benachbarten Pakistan ausgebildeten Islamisten steht das bitterarme Gebirgsland heute im Brennpunkt des blutigen Konfliktes zwischen den Groß- und Supermächten und einem global operierenden Terror-Netzwerk, dass der halben Welt im Namen Allahs den Krieg erklärt hat.

    Dass Bin Laden den Angelpunkt der aktuellen Eskalation darstellt, ist dabei keineswegs Zufall. Der reiche saudische Erbe und skrupellose Fanatiker ist genau jene Schlüsselfigur, die wie keine andere die verhängnisvolle Verstrickung Afghanistans in die Weltpolitik dokumentiert. Der Einfluß Bin Ladens und seiner Anhänger ist nicht zuletzt auch ein Ergebnis der Politk der Supermächte, die während des Kalten Krieges das Volk der Afghanen für ihre Zwecke instrumentalisierten.

    Die Saudis schickten das Geld, die CIA die Waffen

    Der Kampf um Afghanistan begann in jenem Jahr, als im Nachbarland Iran der Ajatollah Chomeini gegen den Schah putschte und den islamischen Staat ausrief: 1979 marschierten die Sowjets in das Gebirgsland am Hindukusch ein, um eine Ausbreitung islamistischer Mächte am Südrand ihres Imperiums zu verhindern. Sie installierten eine Marionetten-Regierung und provozierten so den Widerstand der islamischen Mudschahidin, die in der gesamten arabischen Welt Unterstützung fanden. Die Saudis schickten das Geld, die CIA die Waffen - da musste fast zwangsläufig eine islamistische Internationale entstehen.
    Zehn Jahre später mussten sich die Russen schmachvoll zurückziehen. Doch nun waren viele Afghanen militarisiert. Unter den Gotteskriegern entbrannte der Kampf um die Macht. Sieger wurden ausgerechnet die anfänglich nur belächelten militanten Koranschüler aus Pakistan, die sich selbst den Namen "Taliban" (Schüler) gaben. Sie schossen Afghanistan zurück in die Steinzeit.

    Der Bürgerkrieg hat nahezu alle Häuser dem Erdboden gleichgemacht. Wie Zahnstümpfe ragen die Ruinen in den Himmel. Auf den Straßen patrouillieren die Männer des "Ministeriums zur Vermeidung des Lasters und zur Förderung der Tugend" mit Kalaschnikows. Frauen sind in ihrem Schleier gefangen. Nicht mal ihr Gesicht dürfen sie zeigen. Durch ein Netz aus Maschen spähen sie in eine Welt aus Lumpen und Bettlern.

    Gold, Pistazien und Weintrauben

    Dabei könnte Afghanistan ein blühendes Land sein. Zwar ist ein Großteil des Gebietes landwirtschaftlich nur schwer nutzbar, trotzdem waren Pistazien und Weintrauben in den siebziger Jahren die Hauptexportartikel. Und im Boden schlummern ungehobene Schätze: Große Mengen Kupfer, Gold, Erdöl und Erdgas könnten die Bevölkerung schnell zu Wohlstand bringen.

    Noch in den sechziger Jahren schien die Entwicklung auf bestem Wege. Unter König Mohammed Sahir Schah erlebte das Land eine regelrechte Blütezeit. 1933 auf den Thron gekommen, gelang es ihm 40 Jahre lang das Konglomerat aus 50 ethnischen Gruppen und 20 Sprachen einigermaßen friedlich zusammenzuhalten. Mit Hilfe sowjetischer Investitionen förderte er die Kultur und brachte dem Land bescheidenen Wohlstand und Bildung.

    Bei manchen seinen Untertanen weckte der liberale König einen so starken Drang nach mehr Demokratie, dass sein Schwager Daud Khan ihn 1973 stürzte und die Republik ausrief. Doch Daud ging zu weit. Er sagte der Loya Jirga, der Ältestenversammlung der Stämme, den Kampf an und legte damit Hand an eine kulturelle Wurzel des Landes. Die Zwangsmodernisierung provozierte – ganz ähnlich wie im Iran unter dem westlich orientierten Schah - wütenden Widerstand.

    Das Grundmuster des kommenden Konflikts war damit schon gelegt – Traditionalisten, verwurzelt in der Stammeskultur, kämpften gegen Modernisten, denen ihre Gegner Verrat zugunsten äußerer Mächte vorwarfen. Die folgenden Wirren bahnten den sowjetischen Besatzern den Weg, die das Land in den Bürgerkrieg trieben, aus denen die Taliban 1996 als Sieger hervorgingen.
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  2. #2
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    Exclamation Wann stürzen die Taliban?

    Die Taliban beherrschen heute zwar 95 Prozent des Landes, aber das materielle Wohl ihre Volkes kümmert sie nicht. Statt Straßen bauen sie Schützengräben, statt Krankenhäusern Moscheen. Das Geld für ihre Kulturrevolution und die dafür benötigten Milizen ziehen sie aus dem Drogenhandel. Ausgerechnet jene Islamisten, die sich gegenüber dem Westen als Hüter der Moral aufspielen, betätigen sich als die größten Opiumhändler der Welt. Drei Viertel der Rohopiumproduktion kommt nach Angaben der Drogenkontrollbehörde der Vereinten Nationen aus Afghanistan. Geld kommt außerdem von Osama Bin Laden, der die Taliban für deren Gastfreundschaft großzügig belohnt.

    Die einzigen Bodenschätze werden im Nordosten des Landes gefördert, allerdings nicht von den Taliban, sondern von der so genannten Nordallianz. Deren jetzt ermordeter Führer Massud finanzierte seinen Kampf gegen die Mullahs mit den Lapislazuli und Smaragden, die er aus den Minen an der Grenze zu Tadschikistan holen ließ: Das brachte 60 Millionen Dollar pro Jahr, glauben Eingeweihte.

    Massud überlebte ein halbes dutzend Attentate

    Nun hat die Nordallianz ihren einzigen Führer verloren. Ein halbes dutzend Attentate hatte der charismatische Massud überlebt. Wer ihn umbringen wollte, musste das schlau einfädeln. "Das war ein strategischer Schlag", glaubt daher auch Willy Wimmer, ehemaliger Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium. "Es spricht viel dafür, dass Bin Laden dahintersteckt."

    Der CDU-Politiker kannte den Rebellenführer persönlich. Viermal traf er ihn, sie verbrachten mehrere Tage zusammen. "Er war eine überragende Persönlichkeit. Zurzeit sehe ich keinen Nachfolger."

    Der Mord an Massud ist eindeutig auf die Leute von Bin Laden zurückzuführen", vermutet auch Andreas Rieck, Afghanistan-Forscher am Hamburger Orient-Institut. Beweise für eine Verstrickung Bin Ladens oder der Taliban in die Ermordung Massuds gibt es nicht. Einziger möglicher Nachfolger könnte Abdul Raschid Dostam sein, selbsternannter General einer Armee der usbekischen Minderheit. Er steht nach eigenen Angaben zur Zeit mit 15.000 Soldaten 50 Kilometer vor der nordafghanischen Stadt Masari-i-Scharif und bietet den USA militärische Unterstützung auf der Jagd nach Bin Laden an.

    Die wollen aber zunächst keine Waffenbruderschaft, sondern nur Hinweise auf den Aufenthaltsort Bin Ladens. Und das auch erst seit den Terroranschlägen auf New York und Washington, wie Vertreter der Nordallianz berichten. Jahrelang interessierten sich die Amerikaner nicht für die Gegenspieler der Taliban, wohl auch weil die bis heute gute Kontakte zu den Russen pflegen.

    "Keine eindeutige Politik der USA"

    Dabei vertritt die Nordallianz den Staat Afghanistan offiziell in den Vereinten Nationen. Die US-Regierung aber erkennt die Regierung des getöteten Massud nicht an, obwohl der 1992 sogar einmal afghanischer Verteidigungsminister war. "Die USA verfolgen keine eindeutige Politik gegenüber Afghanistan", sagte der Rebellenführer im vergangenen Jahr in einem SPIEGEL-Interview.

    Einst war er willkommener Bündnispartner der Amerikaner. Als die Russen in Afghanistan einmarschierten, wurde der Islam wurde zum Symbol des Widerstands gegen die "gottlosen" Kommunisten. Unter dem religiösen Banner verbrüderten sich verschiedene Stammesfürsten, darunter der Tadschike Massud und der Paschtune Gulbuddin Hekmatjar, ein radikaler Islamist, der sich "kein anderes Gesellschaftsmodel als Koran und Scharia" vorstellen konnte und der mit Bin Laden gut befreundet sein soll. Massud hatte liberalere Ansichten, aber der gemeinsame russische Feind schweißte beide zusammen.

    Nach dem Abzug der Russen war es aus mit der Einigkeit

    Solange, bis die Sowjets 1989 abzogen. Im Siegesrausch war es mit der Einigkeit der Mudschahidin schnell vorbei. In den folgenden drei Jahren des Bürgerkrieges kamen eine Million Menschen ums Leben, so viel wie in zehn Jahren russischer Besatzung. Während sich die alten Führer des Widerstandes um die Regierungsmacht stritten, entstand in den Koranschulen des Nachbarlandes Pakistan nahezu unbemerkt eine neue militärische Streitmacht: die Taliban.

    In nur einem halben Jahr eroberten sie mit Unterstützung des pakistanischen Geheimdienstes ISI die Stadt Kandahar und neun weitere Provinzen im Süden des Landes, am 27. September 1996 nahmen sie die Hauptstadt Kabul – und Osama Bin Laden war auf ihrer Seite, inzwischen ist Mullah Mohammed Omar verheiratet mit einer seiner Töchter.

    Omar erklärte das Land zu einem strikt islamischen Staat und das international finanzierte Fußballstadion zur öffentlichen Hinrichtungsstätte für Regimegegner. Mit dem Hunger und der drakonischen Repression insbesondere der Frauen schwindet vor allem in den Städten der Rückhalt. Nach Meinung des Afghanistan-Experten Rieck steht das Steinzeit-Regime daher auf tönernen Füßen. "Wenn man die nur ein bisschen antippt, bricht alles zusammen." Es würde schon reichen, sie aus Kabul zu vertreiben, meint Rieck, der sich auf verlässliche Quellen beruft. Rieck: "Die Taliban sind am Ende."

    Michael Lüders, Islamexperte der "Zeit" meint dagegen, es gebe "keine Alternative zu den Taliban". Nicht in den Städten, sondern auf dem Land erfreuten sie sich großer Unterstützung. Sollten die USA großflächig angreifen, könnten die Kleriker auf die Solidarisierung der Paschtunen auf beiden Seiten der afghanisch-pakistanischen Grenze setzen, so Lüders. Zudem hätten die Anhänger Bin Ladens ihre Trainingslager wahrscheinlich schon verlassen. Bombardements seien daher sinnlos. "Die können nur die Ruinen noch mal umpflügen."
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    Exclamation In Afghanistan droht Massenflucht

    London - Die internationale Gemeinschaft muss nach Ansicht von Amnesty International unverzüglich handeln, um eine humanitäre Krise in Afghanistan abzuwenden. Die Angst vor militärischen Angriffen habe eine massenhafte Fluchtbewegung der Menschen ausgelöst. "Pakistan, Iran und Tadschikistan müssen ihre Grenzen wieder öffnen und den afghanischen Flüchtlingen Schutz gewähren. Sie sollten aber keine unverhältnismäßige Last tragen: Die internationale Gemeinschaft muss helfen", heißt es in einer am Montag in London veröffentlichten Erklärung.
    Schon vor der jetzigen Krise seien 1,1 Millionen Afghanen Flüchtlinge im eigenen Land gewesen, zwei Millionen als Flüchtlinge nach Pakistan gelangt. In den vergangenen Tagen sollen weitere 100.000 Menschen allein die Stadt Kandahar verlassen haben, die Hochburg der Taliban. Wegen des Abzugs der ausländischen Helfer sei die Verteilung von Lebensmitteln praktisch zum Erliegen gekommen. Pakistan habe die Grenze zu Afghanistan ungeachtet der Appelle der Uno-Flüchtlingsbehörde UNHCR geschlossen.

    Amnesty International erklärte, die Nachbarstaaten seien nach internationalem Recht verpflichtet, die Flüchtlinge aus Afghanistan aufzunehmen. Die internationale Gemeinschaft müsse dem UNHCR die Mittel geben, tätig werden zu können.
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