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Thema: P A K I S T A N

  1. #1
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    Exclamation P A K I S T A N

    "Allah! Die einzige Supermacht ist Afghanistan!", steht auf einem Plakat, "Osama, unser Held!", schreit ein anderes. Begleitet von Sprechchören und Trommelschlägen schwenken mehrere tausend Demonstranten die Banner hin und her. Sie protestieren gegen die bevorstehende US-Offensive gegen Afghanistan. Eine Szene in der pakistanisch-afghanischen Grenzstadt Peschawar am Dienstag - doch sie wiederholt sich seitdem ständig mit den immer gleichen Bildern in vielen Städten Pakistans.

    Für Zuschauer, die nichts davon wissen, dass der pakistanische Präsident Pervez Musharraf Anfang der Woche ein bedingungsloses Angebot an die USA gemacht hat und dass es traditionell ausgezeichnete Beziehungen zwischen Washington und Islamabad gibt, waren die Demonstranten - viele mit Vollbart, kunstvoll gewickelten Turbanen und Gebetsmützen - leicht zu verwechseln mit antiamerikanischen, islamistischen Fundamentalisten in irgendeinem anderen Teil der Welt.

    Während die Taliban in Kabul mit islamischen Geistlichen über die Frage der Ausweisung ihres "Ehrengastes" und des Hauptverdächtigten für die Anschläge in den USA, Osama Bin Laden, berieten, wurde der Ärger in Pakistan über Musharrafs Entscheidung, den Amerikanern zu helfen, immer größer und soll - vorerst - in einem von den Hardlinern ausgerufenen landesweiten Generalstreik am Freitag Ausdruck finden.

    "Eine gefährliche Situation könnte entstehen"

    "Der Islam lehrt uns, dass niemand an einen Ungläubigen ausgehändigt werden kann", sagt Jahja Mujahid, Sprecher der in Islamabad ansässigen Organisation Lashkar-i-Toiba, die als eine der blutrünstigsten Terrorgruppen Südasiens gilt und deren Anhänger letzte Woche auch auf die Straßen gegangen waren. "Eine gefährliche Situation könnte entstehen."
    Während Südasien sich auf einen möglichen US-Anschlag auf Afghanistan vorbereitet, verabschiedete sich der Top-Terrorist Bin Laden angeblich am vergangenen Mittwoch von rund 500 arabischen, nicht afghanischen Anhängern und verließ Kabul zu Pferd: Offenbar in Richtung der per Auto unzugänglichen Höhlen des Hindukuschs, wo es noch zahlreiche Verstecke der ehemaligen Mudschaheddin gibt.

    Inzwischen steckt der pakistanische Präsident Pervez Musharraf in einer Zwickmühle und hofft, dass sich sehr bald eine diplomatische Lösung der Krise auftut. "Es ist manchmal besser, das geringere Übel zu wählen", sagte Musharraf in einer Fernsehansprache am Mittwoch, bei der er aus dem Koran zitierte. Der Präsident versicherte den Hardlinern in seinem Land, dass ein US-Anschlag auf Afghanistan, nicht "gegen dessen Bürger oder den Islam" gerichtet sei.

    Vor kaum zehn Tagen und trotz gewaltiger Probleme wie Armut, Auslandsschulden, US-Sanktionen und einer fast völlig zerstörten Wirtschaft hatte der pakistanische Armeechef und selbst ernannte Staatspräsident Musharraf die Macht noch fest im Griff.

    27 Jahre Militärherrschaft

    In der 54 Jahre alten Republik Pakistan, die während ihrer 27 Jahre unter Militärherrschaft größere Stabilität als unter demokratisch gewählten Regierungen erlebt hatte, gilt Musharraf als derjenige, der vieles in Angriff nahm, was das Volk nicht unbedingt wollte, was aber zweifellos notwendig war. So etwa Steuerreformen, strenge Maßnahmen gegen Korruption, Schließung derjenigen "Madarsas" (islamischen Religionsschulen), die "heilige Krieger" ausbildeten, und sogar eine Truppenreduzierung entlang der umstrittenen "line of control" (LOC) zwischen Indien und Pakistan.

    Wenn Musharraf auf die pakistanischen Fundamentalisten eingehen und nicht mit den Amerikanern kooperieren würde, wären die Aussichten äußerst düster. Islamabad befürchtet, dass sich die USA in diesem Fall Pakistans Erzfeind Indien zuwenden würden. Nur Stunden nach den Anschlägen in den USA hatte Neu-Delhi den Amerikanern seine "volle Unterstützung" angeboten.

    Allerdings würde Indien mit Sicherheit als Gegenleistung für seine Hilfe von den USA verlangen, dass diese Pakistan zum "Terrorstaat" erklären. Die Regierung in Neu-Delhi behauptet seit langem, dass Pakistan islamische Terroristen ausbildet, ausrüstet und in den "Heiligen Krieg" nach Kaschmir schickt.

    Angst vor internationalen Folgen

    Eine derartige Bezeichnung würde Islamabad international isolieren. Das würde zur Folge haben, dass die US-Sanktionen nach den Nuklearbombentests von 1998 weiter bestehen würden und jegliche Aussichten auf eine Legimitierung der durch einen Militärputsch an die Macht gelangten Musharraf-Regierung schwinden würden. Wichtigster Punkt jedoch: Die internationalen Kredite, die das verarmte Land dringend benötigt, um seine fast völlig zerstörte Wirtschaft wiederzubeleben, dürften ganz ausbleiben.

    "'Jehadis' (Heilige Krieger), egal in welchem Teil der Welt, werden nicht wegschauen, wenn dieser Krieg gegen den radikalen Islam losgeht", warnt andererseits Najam Sethi, Chefredakteur der pakistanischen Wochenzeitung "Friday Times".

  2. #2
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    Exclamation PAKISTAN II

    Obwohl Musharraf in seiner Fernsehansprache gesagt hat, dass die USA bisher nur um Überflugrechte gebeten hätten, ist es seit den gescheiterten US-Raketenangriffen auf Afghanistan 1998 jedem klar, dass ein Luftangriff allein nicht reichen wird, um Osama Bin Laden und seine Anhänger aus "ihren Löchern auszuräuchern", wie George W. Bush es ausgedrückt hat.

    Bin Laden hat sich im Süden Afghanistans versteckt und Washington weiß, dass es keinen besseren strategischen Partner und Ortskundigen in den schwer zugänglichen Bergpässen der Region geben kann, als den Schöpfer der Taliban: Pakistan.

    Denn die Taliban-Bewegung wurde in den islamischen Religionsschulen Pakistans geboren. Auch die Waffen, die die Taliban angeblich diese Woche entlang ihrer internationalen Grenzen angehäuft haben, werden den Amerikanern bekannt vorkommen: Schließlich war es die CIA, die die ehemaligen Afghan-Mudschaheddin - unter ihnen viele der heutigen Taliban-Kämpfer - gegen die Sowjets ausgerüstet hatte.

    Gut ausgebildet in Pakistan

    Auch die Kriegsstrategie der Taliban wird niemanden überraschen, am wenigsten die Pakistaner, denn die pakistanische Armee hat die Taliban ausgebildet und diverse Male gemeinsam mit ihnen gekämpft. Viele der jetzigen Taliban-Kämpfer sind - so verlässliche Quellen - sogar Pakistaner. Inzwischen haben die Krieger ein Eigenleben entwickelt und suchen ihre Mentoren heim.

    Der einzige Ausweg für Musharraf, der Wut der Hardliner zu entkommen, wäre ein Versprechen, dass er als Gegenleistung von den USA etwas "Wertvolles" verlangen wird. Wie etwa Unterstützung in der Frage über den zwischen Indien und Pakistan geteilten Staat Kaschmir, den Neu-Delhi aber für einen genauso wertvollen, integralen Bestandteil seines eigenen Territoriums hält.

    Aber die Vereinigten Staaten suchen zurzeit Allierte, die schlicht "für" oder "gegen" ihr Vorhaben sind. Sie sind eindeutig nicht in der Stimmung, irgendwelche Konzessionen zu machen - am wenigsten einem armen, südasiatischen Staat.

    Sollten die USA den pakistanischen Präsidenten dennoch zu einer von seinem Boden ausgehenden US-Truppenoffensive auf Afghanistan "überreden", steht für viele Experten ziemlich fest, dass dieser Schritt zuerst Zivilunruhen in Pakistan zur Folge hätte und dann - spätestens wenn die Amerikaner mit Bin Laden im Griff abgezogen sind - eine mögliche Eskalation des Konflikts in der bereits nuklearisierten Gesamtregion Südasien.

    Musharrafs Gegner unter Waffen


    Die wachsende Kluft zwischen den Fundamentalisten und der Militärregierung in Pakistan sei "sehr gefährlich", warnte ein politischer Redakteur einer führenden pakistanischen Tageszeitung im indischen Fernsehen, besonders weil die Hardliner gegen Musharraf selbst "bis zu den Ohren bewaffnet sind".
    Anfang dieser Woche spielten sich anderswo schon fast vertraute Szenen ab: Hunderte von zerlumpten und müden afghanischen Familien, Töpfe und andere Haushaltsgüter auf ihren Köpfen tragend, wurden entlang der Grenze zu Pakistan von der Grenzpolizei in lange Schlangen gedrängt. Staubige, überladene Lkw warteten an den Grenzübergängen, überragt von fernen Bergen, deren felsige Spitzen an die atemberaubend schöne, aber völlig verwüstete Heimat erinnerten, die die Flüchtlinge hinter sich gelassen hatten. Sie alle sind ruiniert durch 22 Jahre Bürgerkrieg, verheerende Dürren und internationale Sanktionen. Niemand staunte über die Ankunft der Hunderttausenden Flüchtlinge entlang der 2430 Kilometer langen und an vielen Stellen unüberwachten afghanisch-pakistanischen Grenze.

    1,2 Millionen Afghanen leben in Flüchtlingslagern

    Obwohl sie dieses Mal vor dem erwarteten amerikanischen Vergeltungsschlag flüchten, werden auch diese staatenlos gewordenen Familien in den bereits überfüllten Zeltlagern in Pakistan unterkommen, wo bereits 1,2 Millionen ihrer Landsleute seit Jahren leben.


    Die neuen Ankömmlinge werden zweifellos die bereits strapazierten Ressourcen der pakistanischen Regierung und die der diversen internationalen Hilfsagenturen stark belasten.

    Nach der Evakuierung Afghanistans werden viele ausländische Diplomaten und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen auch Pakistan verlassen. Staaten wie Deutschland haben bereits vor Reisen ins Land gewarnt. In Afghanistan und in den Flüchtlingslagern in Pakistan droht eine ernsthafte humanitäre Krise, aber unter den islamischen Hardlinern scheint das im Moment niemanden weiter zu beschäftigen.

    "Osama lebt nicht in Afghanistan", sagte ein Demonstrant in Peschawar am Mittwoch und schlug gleichzeitig seine Hand auf seine Brust. "Er lebt hier - in unseren Herzen."

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