Eigentlich ist die offizielle Version bereits bekannt: Der saudische Terrorist Osama Bin Laden ist in den Augen der US-Regierung der Hauptverantwortliche für die Attentate. Jetzt kündigte US-Präsident Bush überraschend an, er wolle vor dem Kongress die Drahtzieher noch einmal benennen. Gleichzeitig soll eine Armada von Kampfjets in die Golfregion entsandt werden.
Washington - Normalerweise hält ein Präsident nur einmal im Jahr eine Rede vor beiden Kammern des Kongresses. George W. Bush hatte seine Antrittsrede im Februar gehalten, nun will er mit einem nochmaligen Auftritt augenscheinlich in die Offensive gehen: Er freue sich darauf, dem amerikanischen Volk zu erklären, "wer es war und wer so etwas unserem großen Land antun konnte und warum", sagte Bush am Mittwoch in Washington. Viele Amerikaner wollten diese Fragen beantwortet haben, und er "schulde es dem Land, ihm eine Erklärung zu geben".
Bushs Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice betonte, der Präsident werde in seiner Rede keinen Zeitpunkt für einen Militärschlag bekannt geben. Nach Einschätzung von Beobachtern wird Bush voraussichtlich auch keine offizielle Kriegserklärung abgeben.

Start frei für "Infinite Justice"

Acht Tage nach den Terroranschlägen bereiteten die USA unterdessen die erste Verlegung von Kampfflugzeugen in den Persischen Golf vor. Das US-Verteidigungsministerium befahl nach US-Medienberichten zur Vorbereitung eines möglichen Militärschlags die Verlegung von über 100 Kampfflugzeugen. Wie der Nachrichtensender CNN berichtete, habe die Operation den vorläufigen Codenamen "Infinite Justice" (Grenzenlose Gerechtigkeit).

Bei den Flugzeugen soll es sich um Jäger des Typs F-16 und F-15 handeln. Möglicherweise werden auch B-1-Bomber an den Golf geschickt. Die Maschinen könnten bereits am Donnerstag zu ihren neuen Stützpunkten gebracht werden.

Aus dem Pentagon wurde nicht bekannt, wohin die Maschinen verlegt werden. Es hieß lediglich, die Aktion diene der Unterstützung der von Präsident Bush geforderten Operation gegen den Terrorismus.
Am Mittwoch lief der Flugzeugträger "USS Theodore Roosevelt" vom Heimathafen Norfolk (US-Staat Virginia) in Richtung Mittelmeer aus. Mit rund 15.000 Mann, 75 Kampfflugzeugen, sechs Kriegsschiffen im Geleitzug und einer drei Schiffe umfassenden amphibischen Einsatzgruppe bedeutet die Entsendung des Verbandes eine beachtliche Verstärkung der US-Präsenz in der Region. Nach Pentagon-Angaben war das Auslaufen des Flugzeugträgers am 19. September aber schon seit langem geplant, das heißt, schon vor der Terrorserie vom Dienstag vergangener Woche.

Fischer: "Uneingeschränkte Solidarität"

Bush hatte sich am Mittwoch in Gesprächen mit Bundesaußenminister Joschka Fischer und dem russischen Außenminister Igor Iwanow weiter um internationale Unterstützung im Kampf gegen den Terrorismus bemüht.

Im Kampf der USA gegen den internationalen Terrorismus setze Deutschland trotz des erwarteten Militärschlags auf Besonnenheit. Die US-Regierung wolle sich nicht von "Rachegefühlen" leiten lassen, sondern von "kluger Überlegung", sagte Fischer am Mittwoch nach einem Treffen mit Bush in Washington. Fischer sicherte den USA erneut die "uneingeschränkte Solidarität" der Bundesregierung zu. Deutschland sei Teil der internationalen "Anti-Terror-Koalition" und schließe keine Option bei der Beteiligung im Kampf gegen den Terrorismus aus.

Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder und der britische Premier Tony Blair versicherten den USA nochmals ihre volle Unterstützung im Kampf gegen den Terrorismus. Beide warnten nach ihrem Gespräch am Mittwochabend zugleich vor einer undifferenzierten Verurteilung der arabischen Länder und des Islams. "Wir wissen, dass die große Mehrheit der Moslems auf der Welt geschockt und entsetzt ist über das, was passiert ist", sagte Blair.

"Die Attentate sind Angriffe auf die zivilisierte Welt", sagte Schröder. Blair und er seien sich einig, dass man die Vereinigten Staaten uneingeschränkt unterstützen müsse.

Die Diskussion innerhalb der US-Regierung über eine militärische Reaktion auf die Terroranschläge ist nach Einschätzung von Fischer noch offen. "Die sind da noch nicht durch", sagte er nach einem Treffen mit seinem US-Kollegen Colin Powell.