Die Ex-Sowjetrepubliken im Norden Afghanistans schwanken nun doch, ob sie nach den Terroranschlägen in New York und Washington als Aufmarschgebiet für US-Vergeltungsaktionen zur Verfügung stehen oder nicht.
Moskau - Noch am Montag hatten zunächst Turkmenistan, Usbekistan und sogar auch das weitgehend von Moskau abhängige Tadschikistan ihre Bereitschaft signalisiert, die USA zu unterstützen. Am Montagnachmittag hatte Wladimir Putin vom Schwarzmeerkurort Sotschi aus lange mit allen mittelasiatischen Staatschefs telefoniert.

Am Dienstag ruderten die Regierungen vorsichtig wieder zurück. Frei nach Radio Eriwan: Im Prinzip ja, aber... Ein turkmenischer Diplomaten erklärte, sein Land wolle lieber neutral bleiben. Der tadschikische Außenminister sagte, es gebe noch keine konkrete Anfrage der USA. Alles weitere hängt offenbar davon ab, ob die Vereinigten Staaten tatsächlich Aufmarschgebiete im Norden brauchen und ob sich Russland und die USA über den politischen Preis dafür einigen können.
In allen mittelasiatischen Republiken geht die Furcht um, der Konflikt könnte die Region destabilisieren, die bereits seit Jahren von religiösen und ethnischen Konflikten zerrissen ist. Am Grenzfluss Pjandsch zu Tadschikistan haben sich bereits 120.000 afghanische Flüchtlinge gesammelt. Die dort stationierten russischen Grenztruppen sind alarmiert.

Trotzdem würden in ganz Mittelasien Staatsfeierlichkeiten ausgerufen werden, wenn es den USA gelänge, Osama Bin Laden und die Taliban auszuschalten, deren Emissäre überall tätig sind. Der usbekische Präsident Islam Karimow war selbst schon Zielscheibe von Attentaten. Der Tadschike Emomali Rachmonow hält sich nur mit Moskauer Militärhilfe.

Ihre Stoßtruppe in Afghanistan könnte die oppositionelle Nordallianz werden, deren ermordeter Militärführer Ahmed Schah Massud am Montag begraben wurde. Die Truppen der Nordallianz rüsten zum Vormarsch auf Kabul, der erfolgen soll, sowie die USA mit der Operation begonnen haben.

Drei Viertel der Russen gegen eine Unterstützung

Auch der Kreml wird, obwohl fast drei Viertel aller Russen dagegen sind, die Operation nicht nur moralisch, sondern auch praktisch unterstützen. Am Montagmorgen versicherte der russische Vizeaußenminister Georgij Mamedow seinem amerikanischen Amtskollegen John Bolton, der offiziell eigentlich nach Moskau gekommen war, um über die US-Raketenabwehrpläne zu beraten, Russland unterstütze auch einen Militäreinsatz im Kampf gegen den internationalen Terrorismus. Bisher bleiben aber alle derartigen Äußerungen noch vorsichtig und verschlüsselt, als ob kein Politiker so recht die Verantwortung für eine Politik übernehmen wollte, die sowohl unpopulär als auch besonders für Russland äußerst riskant ist.

Wladimir Putin lieferte am Wochenende das Stichwort, indem er die Anschläge mit den Verbrechen des Faschismus verglich. So wie der Faschismus durch ein antifaschistisches Weltbündnis geschlagen wurde, so müsse jetzt dem Terrorismus eine internationale Antiterroristische Allianz entgegengesetzt werden. In erster Linie geht es Putin dabei um eine Kooperation der Geheimdienste, die in den letzten Tagen aber bereits sehr praktische Formen annahm.

Eine Gruppe russischer Geheimdienstler war schon am Abend nach den Anschlägen zum Informations- und Erfahrungsaustausch in die USA aufgebrochen. Bei den Gesprächen dort seien die russischen Geheimdienstleute gebeten worden, in Moskau zu sondieren, unter welchen Bedingungen der Kreml diesmal US-Militäraktionen unterstützen könnte.

Aufnahme in die Nato?

Das US-Angebot war, so ist aus Moskauer Geheimdienstkreisen zu erfahren, eine noch weitere Annäherung zwischen Nato und Russland bis hin zu einer späteren Aufnahme in die Nato. Die russische Seite hingegen, so heißt es, halte das für zu nebulös und wolle stattdessen lieber eine konkrete Vereinbarung über den Aufbau einer antiterroristischen Allianz, bestehend aus Nato-Strukturen einerseits und dem Antiterror-Zentrum der GUS andererseits.

Das Antiterror-Zentrum der GUS war erst Anfang August auf dem GUS-Gipfel in Sotschi gegründet worden. Es soll die Arbeit der verschiedenen Geheimdienste koordinieren. Beteiligt sind alle KGB-Nachfolgeorganisationen außer aus Turkmenistan.

Der russische Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB, Nikolaij Patruschew, erklärte am Wochenende, Russland sei bereit, den USA alle Informationen über Bin Laden zur Verfügung zu stellen. Bis vor kurzem sei dem FSB immer bekannt gewesen, wo sich der mutmaßliche Terrorist aufhält. Erst nach den Anschlägen in den USA habe er die Spur verloren, weil Bin Laden abgetaucht sei.

Wo ist Bin Laden?

Der FSB, so sagte Patruschew, habe die USA regelmäßig informiert. Die Warnungen vor Terroranschlägen seien dort aber leider nicht ernst genug genommen worden. Wenn Bin Laden gefunden werde, werde man die USA sofort informieren. Russland sei daran interessiert, Bin Laden als terroristischen Drahtzieher und Finanzier auszuschalten.

Darin fühlt sich der Kreml besonders nach den heftigen Gefechten in Tschetschenien bestärkt. Nach Information des Innenministers Boris Gryslow haben an die 300 Kämpfer am Dienstag die tschetschenischen Städte Gudermes und Argun angegriffen. Die Internetzeitung "Gazeta.ru" spricht sogar von 800 Tschetschenen, die Gudermes unter ihre Kontrolle gebracht haben sollen.

Beim Abschuss eines Militärhubschraubers im Zentrum Grosnys wurden zwei russische Generäle und elf Mann getötet. Es handelte sich um eine Gruppe von Inspekteuren des Generalstabes. Der Hubschrauber wurde vermutlich von einer Strela-Rakete aus russischer Produktion getroffen. Einer der Attentäter von New York soll auch in Tschetschenien gekämpft haben, hieß es am Dienstag aus Saudi-Arabien.