Afghanistan stationiert Soldaten an Grenze zu Pakistan
In den Nachbarstaaten zu Afghanistan spitzt sich die Lage zu. Der Iran schloss aus Furcht vor Flüchtlingsströmen seine Grenze. Afghanistan verstärkte unterdessen an der Grenze zu Pakistan seine Truppen.
Kabul/Islamabad - Das Taliban-Regime in Afghanistan hat nach Angaben des pakistanischen Militärs am Montag 20.000 bis 25.000 Soldaten am Chyber-Pass nahe der Grenze zu Pakistan stationiert. Russische Raketen von Typ Scud und weitere schwere Waffen seien in Stellung gebracht worden. Wie ein Armeeoffizier am Montag im Militärstützpunkt am Chyber-Pass 200 Kilometer westlich der pakistanischen Hauptstadt Islamabad weiter mitteilte, habe auch Pakistan seine Truppen an der 1400 Kilometer langen Grenze zu Afghanistan verstärkt. Bislang habe es keine Feuergefechte gegeben, fügte er hinzu.
Die radikal-islamische Taliban-Regierung in Afghanistan soll dem aus Saudi-Arabien stammenden Islamisten Osama Bin Laden Unterschlupf gewähren. Die USA haben Vergeltung gegen jeden angekündigt, der Terrorgruppen unterstützt. Afghanistan gilt daher aus Sicht der USA als Hauptangriffsziel. Pakistan sagten den USA inzwischen Unterstützung bei einem Militärschlag zu.
In Islamabad nahmen US-Experten am Montag Beratungen mit dem pakistanischen Geheimdienst über einen möglichen amerikanischen Militäreinsatz gegen Afghanistan auf. 35 US-Spezialisten stünden bereits in Verhandlungen mit den Sicherheitsdiensten, verlautete am Montag aus dem Umfeld des pakistanischen Geheimdienstes. Insgesamt etwa 50 US-Agenten waren nach Angaben westlicher Diplomaten bereits in der Nacht zu Freitag in der pakistanischen Hauptstadt eingetroffen. Der Flughafen von Islamabad sei dazu für fünf Stunden geschlossen worden. Einige der US-Spezialisten befänden sich mittlerweile in den Grenzstädten Quetta im Südwesten und Peshewar im Nordwesten des Landes.
Pakistanische Delegation will Auslieferung Bin Ladens
Pakistan hat am Montag offensichtlich ohne großen Erfolg versucht, einen drohenden amerikanischen Militärschlag gegen Afghanistan abzuwenden und das dortige Taliban- Regime zur Auslieferung des gesuchten Top-Terroristen Osama bin Laden zu bewegen.
Mit diesem Ziel war eine hochrangige pakistanische Delegation nach Kandahar gereist, dem geistlichen Zentrum der Taliban. Nach einer dreistündigen Unterredung des pakistanischen Armee-Geheimdienstchefs General Mahmud Ahmed mit dem Taliban-Anführer Mullah Mohammed Omar zitierte die private afghanische Nachrichtenagentur AIP den Taliban- Sprecher Mullah Abdul Hadschi Motmain mit den Worten: "Es gibt eine 60-prozentige Chance, dass sich die Lage normalisiert." Beide Seiten hätten alle Aspekte der Lage erörtert, "mit Ausnahme der Auslieferung bin Ladens an die USA". Beide Seiten hätten aber darin übereingestimmt, die "Verstimmungen" zwischen den USA und den Taliban zu beseitigen.
Unterdessen meldete der Nachrichtensender n-tv, Pakistan werde dem afghanischen Taliban-Regime einen Angriff der USA für das kommende Wochenende ankündigen, falls der mutmaßliche Terroristenführer nicht ausgeliefert werde.
Der pakistanische Geheimdienst ISI soll Berichten zufolge maßgeblich an der Gründung der Taliban beteiligt gewesen sein und die Miliz mit Ausbildung und Waffen unterstützen. Auch aus pakistanischen Regierungskreisen verlautete, die Delegation werde den Taliban mitteilen, dass ein Militärschlag unvermeidlich sei, falls Bin Laden nicht ausgeliefert werde. Weiter hieß es, ein Angriff könne schon am kommenden Wochenende erfolgen.
Iran ruft Uno an
Wie der iranische Nachrichtensender Chabar am Montag meldete, hat Außenminister Kamal Charrasi mit Uno-Generalsekretär Kofi Annan telefoniert und ihn vor einer humanitären Katastrophe gewarnt, sollten die USA überstürzt militärisch agieren. Iran beherbergt bereits über zwei Millionen afghanische Flüchtlinge.
Aus Furcht vor einem amerikanischen Militärschlag gegen ihr Land seien große Massen von Afghanen unterwegs nach Westen, meldete Chabar unter Berufung auf das Amt des Gouverneurs der Provinz Khorassan. Die Provinz hat ihre 900 Kilometer lange gemeinsame Grenze mit Afghanistan geschlossen. Pufferzonen sind eingerichtet, wo die Flüchtlinge aufgefangen werden sollen und die sie nicht verlassen dürfen. Nur dort soll ihnen Nothilfe gewährt werden.
Russische Truppen in Alarmbereitschaft
Die russischen Truppen an der Grenze zwischen Tadschikistan und Afghanistan wurden am Montag in Alarmbereitschaft versetzt. Sprecher Oberst Pjotr Gordijenko sagte, die Soldaten seien auf jede Entwicklung gefasst. In Tadschikistan fürchtet man vor allem eine Welle von afghanischen Flüchtlingen.
Die frühere Sowjetrepublik, die als Aufmarschgebiet bei der sowjetischen Besetzung Afghanistans 1979 diente, ist nach einem fünfjährigen Bürgerkrieg abhängig von russischer Unterstützung. Am Sonntag hatte Tadschikistan die Nutzung seines Staatsgebiets für mögliche Vergeltungsschläge gegen Afghanistan ausgeschlossen.
Vorbereitungen in Pakistan
Am Sonntag hatte der Informationsminister der international nicht anerkannten Taliban-Regierung, Kadratullah Dschamal mitgeteilt, alle wichtigen Einrichtungen, darunter Bunker, Militärstützpunkte und Flughäfen, seien zusätzlich befestigt worden. Grenzbeamte in Pakistan berichteten, auch die Grenzbefestigungen seien verstärkt worden.
Der US-Fernsehsender CNN hatte am Sonntag gemeldet, Pakistan werde den Taliban eine Frist von drei Tagen setzen, um Bin Laden auszuliefern. Pakistan hat den USA seine Unterstützung zugesagt, eine Beteiligung an einer militärischen Aktion außerhalb seiner Grenze jedoch strikt abgelehnt.
Als Reaktion auf US-Präsident George W. Bushs Ankündigung von "umfassenden Angriffen" gegen den internationalen Terrorismus und seine staatlichen Helfer hat Taliban-Anführer Mullah Mohammed Omar die Clanchefs, Islamgelehrten und Stammesältesten Afghanistans für diesen Dienstag zusammengerufen. Bei dem Treffen solle über den befürchteten Vergeltungsschlag der USA gegen das Land beraten werden, berichtete die in Pakistan ansässige private afghanische Nachrichtenagentur AIP. Zu der Versammlung würden bis zu tausend Delegierte aus 32 Provinzen erwartet, meldete AIP unter Berufung auf das Büros Omars im afghanischen Kandahar weiter.
Bin Laden hatte am Wochenende laut AIP erneut jegliche Verwicklung in die Terrorangriffe auf das Pentagon in Washington und das World Trade Center in New York bestritten. In der Stellungnahme Bin Ladens heißt es, man zeige mit dem Finger auf ihn, "aber ich sage kategorisch, dass ich es nicht getan habe. Wer auch immer es getan hat, hat es aus Eigeninteresse getan".
Weiter heißt es in der Erklärung Bin Ladens, er sei schon früher des Terrorismus' beschuldigt worden, sei aber nicht in terroristische Aktivitäten verstrickt gewesen. "Ich lebe in Afghanistan und habe Amir al-Muminin [das ist der offizielle Titel des islamischen Taliban-Führers] Gehorsam geschworen, der derartige Aktivitäten nicht erlaubt", zitiert die Agentur weiter.
Die Taliban-Regierung ihrerseits will laut AIP Bin Laden um jeden Preis schützen. Taliban-Außenminister Wakil Ahmed Mutawakil sagte am Sonntag im afghanischen Kandahar, die Vereinigten Staaten seien "in jedem Fall darauf aus, Afghanistan anzugreifen, ohne Rücksicht darauf, was wir über Osama denken".





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