Nein, sie haben nichts gewusst. Anfang Juli 1945, im Verhör durch die Amerikaner, schütteln die Spitzen der Wehrmacht erstaunt die Köpfe. Irgendwelche deutsche Angriffspläne auf den Panama-Kanal oder die USA seien ihnen nicht bekannt - den Generälen und Admirälen Hermann Göring, Karl Dönitz, Wilhelm Keitel, Alfred Jodl, Walter Warlimont und Herbert Büchs.
Entweder trog ihre Erinnerung, oder sie logen, wie so oft. Denn tatsächlich: Es hatte solche Pläne und Absichten gegeben. Die Führungselite des "Dritten Reichs", die Amerika aus eigener Anschauung nicht kannte, maß schon zu Friedenszeiten die eigenen Kräfte - sei's in der Technik, sei's beim Verkehr - stets gern mit denen der Vereinigten Staaten. Und gegen die USA wollte man schließlich auch den Endkampf um die Weltherrschaft führen: So schreibt Hitler selbst im nicht veröffentlichten zweiten Band seines politischen Bekenntniswerks Mein Kampf.
Und es blieb keine seiner vielen vagen, wirren Ideen. Spätestens von 1941 an plante er, mit Terrorangriffen New York in Schutt und Asche zu legen und Fernbomber bis an die Großen Seen fliegen zu lassen. Dort sollten sie die Rüstungsindustrie und Schlüsselbereiche der US-Wirtschaft zerstören, wie zum Beispiel optische Werke; Karten, auf denen die Abwurfziele markiert waren, lagen bereits vor.
Albert Speer, des Diktators Lieblingsarchitekt und in den letzten Kriegsjahren einer der wichtigsten Männer des Regimes, erinnerte sich 1947 in den Tagebüchern, die er im Kriegsverbrechergefängnis von Berlin-Spandau führte, wie Hitler sich deutsche Bomber über Manhattan vorstellte. New York sollte brennen.
"Das Feuer", schreibt Speer, versetzte ihn in "tiefe Erregung". Hitler sah sich in der Reichskanzlei Filme vom brennenden London an, vom Feuermeer über Warschau. Er ließ sich Filme von explodierenden Geleitzügen vorführen, und Speer notiert, dass Hitler jedes Mal beim Anblick derartiger Bilder eine Gier erfasste. "Nie habe ich ihn so außer sich gesehen wie gegen Ende des Krieges, als er wie im Delirium sich und uns den Untergang New Yorks in Flammenstürmen ausmalte. Er beschrieb, wie sich die Wolkenkratzer in riesige, brennende Fackeln verwandelten, wie sie durcheinander stürzten, wie der Widerschein der berstenden Stadt am dunklen Himmel stand."
Amerika mit Fernbombern anzugreifen, muss in der Führungsriege der Nationalsozialisten bereits zu einem frühen Zeitpunkt beschlossene Sache gewesen sein - und ein Teil der zivilen Funktionselite des Landes muss es auch gewusst haben. Der Chef der Luftwaffe, Reichsmarschall Hermann Göring, verkündete im Juli 1938 bei einer Rede vor Luftfahrtindustriellen auf seinem Landsitz in Karinhall, er erwarte von ihnen die Entwicklung eines Flugzeugs, das "mit fünf Tonnen Bombenlast nach New York und zurück fliegt. Ich würde über einen solchen Bomber außerordentlich glücklich sein, um endlich einmal dem Hochmut dort drüben etwas das Maul zu stopfen."
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