New York/Frankfurt am Main - "Es ist eine enorme Tragödie für unseren Verband", sagte Marc Lackritz, Präsident der Securities Industry Association, eine Organisation von Wertpapierhändlern. "Jeder, mit dem ich geredet habe, ist in Sorge um irgendeinen Kollegen oder Freund."
Besonders tragisch ist die Situation für John Duffy, Chef der Investmentfirma Keefe Bruyette & Woods. Er war zufällig nicht im Büro, sein Sohn gehört jedoch zu den Vermissten. Auch Joseph Berry Jr., der aus dem Gebäude entkommen konnte, ist fassungslos. Sein Vater, der die Firma gemeinsam mit Duffy leitete, tauchte nicht mehr auf. Zwei Frauen, die in der Analyse-Abteilung arbeiteten, wurden zwar in letzter Minute gerettet, vermissen aber zwei ihrer Kollegen. "Wir trauern den halben Tag, die andere Hälfte kümmern wir uns um die Familien", sagte Andrew Senchak, Direktor von Keefe Bruyette."Und wir heulen den ganzen Tag."
Das World Trade Center beherbergte überwiegend Firmen der Finanzwirtschaft. Zu den größten Mietern gehörte die US-Investmentbank Morgan Stanley Dean Witter. Von den rund 3500 Mitarbeitern im World Trade Center hätten sich viele als gerettet gemeldet, teilte die Bank auf ihrer Webseite mit. Über die Zahl der Vermissten wollten die Banker bisher keine Auskunft geben. Die Brokerfirma Marsh McLennan vermisst offenbar noch rund 700 Mitarbeiter. Keefe Bruyette & Woods bezifferte die Zahl der Vermissten auf 67 von 172 Angestellten. Bei Fred Alger Management sucht man verzweifelt nach dem 57-jährigen Chef David Alger.
Deutsche Bank vermisst bis zu zehn Mitarbeiter
Die Deutsche Bank vermisst derzeit noch fünf bis zehn Beschäftigte. Die rund 1600 Mitarbeiter der Bank, die in den Zwillingstürmen beziehungsweise in der Nachbarschaft tätig waren, hätten nach dem Attentat am Dienstag weitgehend wohlbehalten evakuiert werden können, teilte das Institut am Mittwochabend in Frankfurt mit. "Zu fünf bis zehn Mitarbeitern der Bank konnte allerdings bisher kein Kontakt hergestellt werden", sagte ein Sprecher der Deutschen Bank in Frankfurt: "Es sieht so aus, dass alle Mitarbeiter rechtzeitig evakuiert werden konnten. Es gab nach unseren Informationen keine Toten oder Verletzten." Eine abschließende Entwarnung könne aber noch nicht gegeben werden.
Das Institut hatte vier Stockwerke im World Trade Center belegt, wo rund 370 Beschäftigte arbeiteten. Weitere 2000 Angestellte hatten ihren Arbeitsplatz in Gebäuden rund um die Zwillingstürme. Das größte deutsche Kreditinstitut wies darauf hin, dass die Geschäfte des Hauses vor Ort zwangsläufig beeinträchtig seien. "Wir sind aber voll arbeitsfähig", wurde ausdrücklich betont.
Auch die rund 400 Allianz-Mitarbeiter im WTC haben nach Angaben des Konzerns den Terroranschlag unverletzt überstanden. "Alle Beschäftigten, die dort gearbeitet haben, sind wohlauf", sagte ein Sprecher des Unternehmens in München. Sobald der Konzern mehr über die Folgen der Attentate wisse, werde er es bekannt geben.
Ein Siemens-Sprecher sagte in München, ein US-Mitarbeiter des Konzerns sei in einem kritischen Zustand. Die übrigen 73 Mitarbeiter des Projektbüros Verkehrs- und Gebäudetechnik, die im 37. Stock des Südturmes arbeiteten, seien nach bisherigem Wissen unbeschadet geblieben. Völlig unklar sei allerdings die Lage der von Siemens beauftragten Wartungstechniker.
Der US-Versicherungskonzern Aon Corporation erklärte, rund 1100 seiner insgesamt 50.000 Beschäftigten hätten im World Trade Center und anderen Gebäuden im unteren Manhattan gearbeitet. Aon sei dabei, Kontakt zu allen Mitarbeitern aufzunehmen.
In der Schweizer Großbank Credit Suisse First Boston konnte man dagegen aufatmen: Alle 800 in den Bürotürmen Beschäftigten seien in Sicherheit, hieß es. Auch die Investmentbank Merrill Lynch teilte mit, ihre etwa 9000 Beschäftigten im World Financial Center und anderen nahe gelegenen Büros seien in Sicherheit gebracht worden.
Viele der 500 Mitarbeiter der Geldmanagement-Firma Fiduciary Trust, die in dem Komplex arbeiteten, konnten nach Angaben des "Wall Street Journal" entkommen. Auch alle 21 Mitarbeiter des Telekomfirma Network Plus brachten sich in Sicherheit. Alle rund 600 Mitarbeiter der MassMutual Financial Group überlebten den Angriff.
Firmen der obersten Stockwerke mit wenig Hoffnung
Am schlimmsten traf es die Unternehmen, die sich in den obersten Stockwerken des World Trade Centers eingemietet hatten. Cantor Fitzgerald, ein großes auf den Anleihehandel konzentriertes Unternehmen, sowie die Firma eSpeed, die elektronische Marktplätze betreibt, hatten Büros auf den Stockwerken 101, 103, 104 und 105. Rund tausend Mitarbeiter beider Firmen waren im World Trade Center beschäftigt. "Wir sind gegenwärtig nicht in der Lage festzustellen, wie viele Mitarbeiter zur Zeit des Angriffs in dem Gebäude waren", erklärten Sprecher beider Unternehmen. Sie könnten auch nicht sagen, ob diese in Sicherheit gebracht worden seien.
Die französische Großbank Crédit Agricole vermisst 86 ihrer Angestellten. Von den Beschäftigten der zur Bank gehörenden Makler-Filiale CARR Futures, die im 92. Stockwerk eines der beiden Türme des World Trade Center in New York gearbeitet hätten, fehle bislang jedes Lebenszeichen, berichtete die Bank am Mittwoch in Paris.
In den 110 Stockwerke hohen Zwillingstürmen und anderen Komplexen des World Trade Center (WTC) arbeiteten mehr als 50.000 Menschen für 430 Firmen. Das "Wall Street Journal" berichtete, auch 200 Geheimdienstagenten des Secret Service seien dort stationiert gewesen.





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