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Thema: Das Kriegsende in Hungen

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    Avatar von morzomo
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    Standard Das Kriegsende in Hungen

    Hallo,

    hier einen Artikel über das Kriegsende in Hungen, Oberhessen. Hab ich vor Jahren mal ausgeschnitten und nun endlich digitalisiert.

    Das Ende des 2. Weltkrieges in Hungen
    Am 8. Mai 1945 endete durch eine bedingungslose Kapitulation Deutschlands der 2. Weltkrieg. Er brachte im Vergleich zum 1.Weltkrieg ein Vielfaches an Verlusten von Menschen und hinterließ zerstörte Städte und Landschaften in ganz Europa. Deutschland als Verursacher des Krieges war besetzt von amerikanischen, englischen, französischen und russischen Truppen. Für Hungen endete der Krieg schon am 28.4.1945 (ANMERKUNG: Hierbei muss es sich um einen Fehler handeln, es muss der 28.3. gemeint sein) mit dem Einmarsch der Amerikaner.

    Erinnerung an die Opfer
    Im Erzählcafe in Hungen gedachte Ingrid Meybohm der Opfer dieses Krieges.
    Über 7 Millionen starben in Deutschland als Soldaten, Zivilisten, Verfolgte oder Vertriebene. Über 55 Millionen Menschen weltweit, allein die Sowjetunion hatte fast 20 Millionen Menschen zu beklagen.In der Kleinstadt Hungen wurde um 207 gefallene oder vermisste Soldaten getrauert. Alle jüdischen Familien wurden vertrieben oder ausgelöscht. 1933 lebten noch 110 jüdische Personen in Hungen und den Dörfern, die heute zur Großgemeinde gehören. Ermordet wurden: in Hungen 29 Menschen, in Obbornhofen 11, in Bellersheim 11, in Inheiden 10 Menschen aus einer Familie. Die restlichen Familien mussten ihre Heimat verlassen und überlebten so den Holocaust. Gedacht wurde auch der 11 in Bellersheim und einer in Trais-Horloff bei Bombenangriffen umgekommenen Personen, ebenso der Kriegsgefangenen, die bei Aufräumarbeiten in Gießen in einem weiteren Bombenangriff starben. Die 10 Besatzungsmitglieder von 2 abgestürzten amerikanischen und englischen Flugzeugen wurden auf dem Hungener und Trais-Horloffer Friedhof beerdigt und später umgebettet. Stellvertretend für die vielen Feldpostbriefe, die von 1939 bis 45 geschrieben wurden, las Ingrid Meybohm einen Brief des 1942 in Russland gefallenen Heinrich Dietz aus Utphe vor, der schon 1941 das Ende des Krieges herbeisehnte. Jakob Büttel, Großvater des Hungener Stadtverordnetenvorsitzenden Karl-Ludwig Büttel, schrieb einen rührenden Brief an seinen Sohn Erhard, mit der Sorge, der Junge würde seinen Vater nach der langen Abwesenheit nicht mehr erkennen. Für seine Frau ließ er von einem Kameraden einen Blumenstrauß zum Geburtstag malen. Er starb 1943 in Russland. Schon im letzten Erzählcafé zeigte das Tagebuch des Curt Beinecke, was Soldaten in allen Weltkriegen an schrecklichen Ereignissen zu verkraften hatten, was es heißt, eine feindliche Stellung zu stürmen, ein Trommelfeuer auszuhalten, verwundet wurde,wie man langsam abstumpfte oder es nervlich nicht mehr verkraftete. Für die Angehörigen der gefallenen Soldaten blieb oft nur eine Mitteilung der Vorgesetzten, wie sie für den 1942 in Russland getöteten Ewald Meybohm vorgelesen wurde. Auch im 2. Weltkrieg wurde noch die Formulierung vom Heldentod für Volk und Vaterland gebraucht.

    Der Einmarsch der Amerikaner vor 70 Jahren
    Das Hungener Stadtarchiv hat keine Unterlagen aus den letzten Kriegsjahren. Wahrscheinlich wurden sie vernichtet. Noch lebende Zeitzeugen waren gegen Kriegsende meist Kinder und Jugendliche. Besonders Hans-Helmut Steinmüller (Jahrgang 1937) konnte im Erzählcafé auf einen großen Schatz an Erinnerungen zurückschauen. Er lebte in der Gießener Straße, in der Nähe des Bahnhofes, und war begeistert von der Technik aller Flugzeuge, Waffen und Kriegsgeräte. Die am Bahnhof stationierte Flugabwehreinheit wurde häufig von ihm besucht. Sie bauten ihm ein U-Boot aus Metall. Als er ihnen als Dank an seinem Geburtstag im Januar 45 einen Kuchen brachte, geriet er in einen Tieffliegerangriff und überlebte nur durch die Rettungsaktion eines Soldaten. Die Waggons, in denen sie gerade noch Kuchen aßen, brannten aus. Auch den Absturz eines amerikanischen Bombers Richtung Langsdorf erlebte er selbst mit und sah die Trümmer mit der verbrannten Besatzung. Zwei Soldaten konnten sich mit dem Fallschirm retten und wurden abgeführt. Hungen entging hierbei nur knapp einer Katastrophe. Ein zweites Flug zeug war in der Nähe von Hof Grass in die Horloff gestürzt. Gemeinsam mit einem Freund schwänzte er die Schule und besah sich das Flugzeug und die verbrannte Besatzung. Noch im Dezember 1944 besuchte Hitler das Hauptquartier in Langenhain-Ziegenberg, das er ab dem Bahnhof Hungen per Auto erreichte. Vor der Rückfahrt nach Berlin im Januar ´45 sah Hans-Helmut Steinmüller eine außergewöhnliche D-Zug Lokomotive auf einem Abstellgleis Wasser tanken. Er durfte sogar hochklettern und erhielt die Auskunft, dass der Zug nach Berlin fahren würde. Tieffliegerangriffe auf den Bahnhof, auf Züge und alles was sich auf Straßen und den Feldern bewegte, wurden immer häufiger. Das Gymnasium Hungen lag direkt am Bahnhof und war stark gefährdet. Ernst Spengel saß als Schüler oft am Drahtfunk um zu hören, ob Bomber sich dem Planquadrat „Paula 17/3 “ zu dem Hungen gehörte, näherten.

    Dann wurden die Schüler nach Hause geschickt. Luftschutzkeller waren am Bahndamm , nahe des Schlosses, und in der Bellersheimer Straße ( heute Robert-Koch Str.). Auch Bergwerksstollen wurden genutzt. Dem Angriff auf Dresden ging eine nicht enden wollende Flut an silbern in der Sonne glänzenden Bombern voraus, die von den Schülern beobachtet wurden. Am 26.3 schlossen alle Hungener Schulen und wurde erst im November wieder geöffnet. Vor Eintreffen der Amerikaner am 28. März zogen riesige Kolonnen müder, abgekämpfter Soldaten zu Fuß durch Hungen und flüchteten vor dem Amerikaner Richtung Osten. Sie wurden von Frauen in der Gießener Straße mit Tee versorgt. Wer die Truppe verließ, wurde selbst jetzt noch sofort erschossen. Trotzdem wagten es einige Soldaten und Hungener Frauen versorgten sie mit alter Zivilkleidung. So konnten sie sich leichter nach Hause absetzen. Auch die Flugabwehr, die in Hungen stationiert war, hatte sich Richtung Fulda abgesetzt. Ihr Lager im Saal des Darmstädter Hofes war hektisch aufgelöst worden. Auch der Beobachtungsturm auf dem Galgenberg war von den Flugwaffenhelferinnen, die feindliche Flugzeuge melden mussten, geräumt worden. Auf der Schottener Straße (nahe der Rewe) auf dem Weg zu den Stollen im Heckenwald mit seinem Großvater, sah Hans-Helmut Steinmüller Hunderte von polnischen und französischen Kriegsgefangenen, die in langen Reihen nach Osten abgeführt wurden. Die Angst vor dem „Feind“ war groß ,die Ungewissheit, was kommen würde. Die Propaganda der Nazis hatte die schrecklichsten Bilder dieser Truppen ausgemalt. So verbrachten viele Familien die Nacht und den Tag des Einmarsches in den Bunkern und Kellern.

    Seit dem Morgen des 28. März war der Kanonendonner der vorrücken den Front zu hören.
    Bürgermeister Müller blieb in der Bürgermeisterei um die Stadt zu übergeben, wie er sagte. Frau Steinmüller war dort dienstverpflichtet und blieb bis die Amerikaner einrückten. Erst dann eilte sie zu einem Stollen im Heckenwald zu ihrer Familie. Vereinzelte weiße Fahnen oder Bettlaken hingen in Hungen als Zeichen der bedingungslosen Kapitulation aus den Fenstern. Da dies bei Strafe verboten war, hatten nicht viele den Mut dazu.

    Der Einmarsch
    Die Stadt war praktisch frei von Soldaten, Gegenwehr war nicht zu erwarten. Nur aus der Hartigstraße und vom Bahnhof wurde auf die Aufklärungsflugzeuge geschossen. Die Amerikaner zogen von Echzell her kommend, über Utphe, an Trais-Horloff vorbei, durch Inheiden und blieben am Feldheimer Wald. Da sie Truppenbewegung am Heckenwald sahen, schossen sie in den Waldrand. Frau Steinmüller befand sich dort auf dem Weg in die Stollen. Eine Granate flog kurz vor ihr in den Waldrand. Sie konnte gerade noch zusammen mit einigen Soldaten in einen Schutzgraben flüchten. Auf einer Strecke von 30 m waren Bäume umgefallen oder zersplittert. Ein zweiter Schuss traf die Schlossmauer an der Friedberger Straße. Im Inheidener Grund war von Grubenarbeitern eine Panzersperre aufgebaut worden. Die Panzer umfuhren sie, teilten sich dann auf und kamen auf der Friedberger Straße und über das Feld am Ende der Robert-Koch Straße in die Stadt hinein.

    Wegen der Schüsse vorher untersuchten die amerikanischen Soldaten, die rechts und links der Panzer liefen, die Robert-Koch Straße besonders gründlich. Bürgermeister Müller war noch kurz in seinem Haus dort, wollte in einen Schutzkeller und wurde von den Soldaten überrascht. Rosemarie Schlüter wohnte im Nachbarhaus und sah aus dem Kellerfenster, dass er auf das Kommando der Soldaten nicht stehen blieb, sondern in Panik wegrannte. Sie erschossen ihn sofort. Auf der Friedberger Straße stellten sich angeblich der englische Maler Pitcairn Knowles, der im Schloss wohnte und die Heilpraktikerin Emmi Spieß den Panzern entgegen, um zu verhindern, dass die Stadt zusammengeschossen wurde.

    Eine Panzerkolonne fuhr weiter durch die Unterstadt. Am Bahnübergang sahen die Amerikaner Militärfahrzeuge auf dem Sportplatz, die wahrscheinlich aus Benzinmangel dort liegen geblieben waren und schossen sie in Brand. Die Granatenhülsen fand Hans-Helmut Steinmüller auf seinem Weg zurück aus dem Heckenwald dort und er sah die brennenden Autos. Ein Wagen blieb ganz und wurde von dem Sägewerk Müller noch lange benutzt. Die andere Panzerkolonne fuhr weiter in die Hartigstraße weiter in die Poststraße in Richtung Bahnhof. Kurz zuvor hatte in der Hartigstraße ein beurlaubter Offizier einen SS-Mann mit der Pistole davon abgehalten, mit einer Panzerfaust den Amerikanern entgegen zu laufen. Hungen wäre dann sicher zusammengeschossen worden. Ein Stoßtrupp Panzer fuhr die Bismarckstraße hinunter und nach rechts in die Gießener Straße. Vor der Druckerei Lutz stand ein Motorrad, die Soldaten waren vor den Panzern in ein Haus geflüchtet. Die Panzer fuhren einfach über das Motorrad weg, es war vollkommen platt. Am Bahnhof hielten sich noch zwei SS-Männer auf. Sie hatten die Fluchthilfen eines Lokomotivführers am Tag vorher abgelehnt. Einer wurde von den Amerikanern erschossen. Nach der Besetzung der Stadt rollten die Panzer noch zwei Tage und Nächte ununterbrochen durch Hungen. Die Übermacht an Material und Ausrüstung der Amerikaner wurde der Bevölkerung sehr deutlich.

    Ende der Kampfhandlungen
    Nachdem die Hungener merkten, dass die Amerikaner nicht mehr schossen und nun die Häuser untersuchten, kamen sie aus den Schutzräumen heraus.
    Besonders die Kinder schauten sich die Panzer an, bestaunten ängstlich bis mutig die Soldaten. Manche der Soldaten warfen den Kindern Schokolade zu. Ein Junge , Sohn eines SS-Mannes, zertrat das Geschenk des „Feindes“, doch die anderen Jungen nahmen die Schokolade, die man in Deutschland seit Jahren nicht bekommen hatte. Einige Soldaten hielten das Gewehr auf die Kinder und freuten sich, wenn die sich schnell versteckten. Die Amerikaner verhielten sich meist sehr kinderfreundlich. Verhaftet wurden Soldaten und andere Uniformträger, die in ein Zwischenlager auf freiem Feld hinter Utphe gebracht wurden. Dort blieben sie meist mehrere Wochen lang, fast ohne Essen und Decken und hungerten sehr. Auch in den amerikanischen Lagern starben deutsche Soldaten an Krankheiten und Entkräftung. Einige heimkommende Soldaten mussten wochenlang mit Brei aufgepäppelt werden. Hans-Helmut Steinmüller zog mit seiner Familie aus dem Heckenwald mit einem Leiterwagen wieder in die Stadt zurück. Seine Tante, eine Luftwaffenhelferin, Blitzmädchen genannt, hatte noch die Uniform an. Die Familie überzeugte-sie, mitten auf der Horloffbrücke die Uniform auszuziehen und eine Decke überzuhängen. Der Junge durfte sich das Fliegerabzeichen nehmen, was ihn sehr beeindruckte. Die Frau des Bürgermeisters Müller war mit Familie Steinmüller aus dem Heckenwald zurückgekommen und erhielt mitten in der Stadt die Nachricht vom Tod ihres Mannes. Sie brach zusammen und wurde auf dem Leiterwagen nach Hause gebracht. In anderen Familien ging es weniger aufregend zu. Die Häuser wurden nach Waffen, Fotoapparaten, Ferngläsern und Nazibildern und Abzeichen durchsucht. Viele Bürger hatten dies vorausgesehen und verdächtige Dinge vernichtet oder versteckt. In die Horloff wurden etliche Waffen geworfen. Große Aufregung unter den amerikanischen Soldaten herrschte im Schloss, als sie die geraubten jüdischen Bibliotheken fanden. Sofort wurde eine Wache aufgestellt. Ebenso an weiteren Lagerorten in Hungen. Zum ersten Mal seit langer Zeit konnten die Menschen wieder in ihren Betten schlafen ohne Fliegeralarm. Die Verdunklung der Wohnungen wurde abgenommen. Viele fühlten sich befreit trotz Besatzer.

    Die Besatzungsmacht
    Die Amerikaner errichteten sehr schnell eine Kommandantur in dem Haus Gießener Str.5, in der Kaiserstraße im Geschäft Debus (heute Schäfer) und im Haus der Bäckerei Traut am Marktplatz. Für Offiziere und Mannschaften wurden etliche Häuser konfisziert, vor allem in der Bismarckstraße die komfortablen Lehrerhäuser. Die Bewohner mussten innerhalb kurzer Zelt ihre Häuser verlassen, durften nur die notwendigsten Kleidungsstücke mitnehmen und sehen, wo sie unter kamen. In der Gießener Straße, heute Arztpraxis Eckel, wurde ein Lazarett eingerichtet, das später in Notfällen auch Deutsche verarztete. Auf der Landwehr war ein Lager mit Feldküche, ebenso in der Gießener Straße neben dem Darmstädter Hof. Hier standen die Panzer und Fahrzeuge aufgereiht bis weit nach oben. Der Tanzsaal der Gastwirtschaft, schon vorher als Lager für die Flugabwehr benutzt, wurde beschlagnahmt als Küche und Lager. Auch neben dem Lazarett befand sich eine Küche. Die Amerikaner verpflegten sich anfangs nur aus verpackten Vorräten der Armee. Später wurden auch gerne Eier und frisches Fleisch genommen. Hans-Helmut Steinmüller sah, wie die Soldaten mit gerade geschossenen Rehen und Hasen aus dem Feldheimer Wald zurück kamen.

    Die Lebensmittelversorgung
    Die Bevölkerung von Hungen war weniger gut mit Lebensmitteln versorgt. Weiterhin gab es nur die Ration auf Lebensmittelkarten. Gerade die Fettrationen waren so gering, dass alle Familien Bucheckern sammeln gingen und daraus Ol pressen ließen. Im ländlichen Hungen hatten fast alle Familien einen Garten oder halfen den Bauern gegen Lebensmittel. So hatte man wenigstens noch Kartoffeln, Mehl und Gemüse. ln den Städten hungerten die Menschen noch viel mehr. Auf den Feldern wurde „gestoppelt“, Ähren von den schon abgeernteten Feldern gelesen und „schwarz“ in der Untermühle zu Mehl gemahlen. Auch das letzte kleine Kartöffelchen wurde noch aufgelesen. Die Wälder hatten kein Totholz, alles wurde säuberlich als Brennholz gesammelt. Die Versorgung mit Kohlen war ganz schlecht in den ersten Wintern. Ernst Spenge! berichtet, dass die Soldaten im Lager an der Landwehr sehr großzügig zu Kindern waren. Jeden Tag um 17 Uhr standen er und andere Kinder am Lager und erhielten die F-teste der Mahlzeit. Er brachte Kochgeschirr mit und nahm sogar Essen für die Familie mit. Hans-Helmut Steinmüller berichtet von der Gießener Straße, dass die Soldaten einmal riesige Klumpen Schokoladenpudding auf die Straße geworfen hatten. Als er und seine Freunde den Pudding in Töpfe kratzten, wurden sie ausgeschimpft und weggescheucht. Aber auf dem „Mist“ lagen angebrochene Packungen der Armeenahrung, die die Kinder sich heimlich holten. Emmi Meybohm wohnte im Darmstädter Hof neben der Feldküche. Da im Haus viele Kinder wohnten, stellten die Soldaten heimlich Essen und Süßigkeiten vor die Haustüre. In der 2. Einsatztruppe, die danach kam, war ein jüdischer Kommandant, der Essensreste vergraben ließ, sie durften nicht mehr an Deutsche verteilt werden.

    Sie erinnert sich an einen Arbeitseinsatz von Frauen im Wald, wo ununterbrochen von Schlagsahne und anderen Leckereien gesprochen wurde, die die Frauen seit Jahren nicht mehr gegessen hatten. Zigaretten wurden zur neuen Währung auf dem Schwarzmarkt. Damit konnte man alles bekommen. Für die Deutschen waren sie unerschwinglich teuer und nicht zu bekommen. Ernst Spengel ging wie viele andere auch „Kippen stechen“. An einem Stock befestigte er einen Nagel und stach in die von Amerikanern weggeworfenen Zigarettenkippen. Der Tabak wurde gesammelt und von seinem Vater zu neuen Zigaretten gedreht. Viele Städter kamen auf das Land und tauschten Wertsachen bei den Bauern gegen Lebensmittel. Ernst Spengel erzählt, wenn man ein junges Mädchen mit einer Golduhr oder wertvollem Schmuck sah, konnte man sicher sein, dass sie ein Bauernmädchen war.

    Kontakte mit den Amerikanern
    Den Amerikanern war es verboten mit Deutschen zu fraternisieren, zu enge Kontakte aufzunehmen. Gegenüber Kindern waren sie lockerer. Ernst Spengel berichtet, dass die Soldaten auf dem Sportplatz Baseball trainierten. Die Kinder schauten sich das Spiel ab, reparierten sich von den Amerikanern weggeworfene Bälle und Schläger und spielten jeden Abend. Schließlich spielten die Amerikaner gemeinsam mit ihnen. Hans-Helmut Steinmüller wurde von den Soldaten sogar einmal in einem Krankentransporter mitgenommen bis zu einem Lazarett in Koblenz über die Autobahn in stundenlanger Fahrt. Dort erhielt er von einem farbigen Soldaten ein halbes Hähnchen mit Marmelade bestrichen. So etwas hatte er noch nie gesehen. Unterwegs sah er Kolonnen von deutschen Soldaten mit erhobenen Händen. Um Mitternacht waren sie wieder zurück. Seine Mutter hatte ihn 'schon als vermisst gemeldet. Als nach Wochen .die Amerikaner abzogen, waren die Kinder wohl die Einzigen, die sie vermissten. Endlich konnten die ausquartierten Familien in ihre Häuser zurück. Auch die Soldaten aus den amerikanischen Lagern kamen Ende Juni frei. Kriegsgefangene aus anderen Ländern kamen erst sehr viel später zurück. Der letzte Kriegsgefangene aus Hungen kam erst 1955 aus Russland zurück. Parteigenossen, die das Entnazifizierungsverfahren nicht als unbelastet überstanden, blieben in Haft oder hatten noch lange Berufsverbot. Begehrt waren unbelastete Bekannte, die für den Parteigenossen sprechen konnten, ihn entlasteten, damit ihm „der Persilschein“, wie er im Volksmund hieß, ausgehändigt werden konnte. Trotz aller Schwierigkeiten normalisierte sich das Leben auch weiterhin. Die in den Städten ausgebombten Bewohner blieben vorerst in Hungen wohnen, bis der Wiederaufbau sehr viel später begann. ln den Wohnungen herrschte drangvolle Enge. ln dem Haus, in dem Familie Steinmüller wohnte, lebten vor dem Krieg 3 Personen, gegen Kriegsende 30 mit vielen Kindern. Das seelische Leid, das die vielen Kriegstoten, Verkrüppelten und die langen Kriegsjahre hinterließen, war unermesslich. Allein erziehende Mütter, Kriegerwitwen, waren selbstverständlich geworden. ln vielen Familien fehlte der Vater. Dazu kam noch die Scham, als bekannt wurde, welche Gräueltaten unter dem Naziregime angerichtet wurden in den Konzentrationslagern. Doch diese Themen wurden lange totgeschwiegen in den Familien und in den Schulen, wie alle Zeitzeugen bestätigten.

    Gemeindeparlament und Bürgermeister
    Da Hessen zu der amerikanischen Besatzungszone gehörte, wurde eine amerikanische Militärregierung eingesetzt. Sie ernannte zuerst Zahnarzt Ernst Frank zum kommissarischen Bürgermeister, dann Hermann Schuld. Am 16.April 1945 wird vom Bürgermeister die erste Verordnung der Militärregierung herausgegeben. Die Ausgangssperre ab 21Uhr war schon vorher verhängt worden.

    Postverkehr
    Erst ab 1.9.45 wurde in Hessen wieder Postverkehr zugelassen. Die Briefe und Päckchen konnten zensiert werden, dies wurde bald wieder gelockert.


    Quelle: „Das Kriegsende in Hungen“ in „Licher Wochenblatt“ Ausgabe 19/2015

    Hinweis: Zu sehen war noch ein Bild des Flak-Beobachtungsturms auf dem Galgenberg bei Hungen und das Bild einer Schulklasse von damals

    Liebe Grüße

    morzomo
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  2. #2
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    Standard AW: Das Kriegsende in Hungen

    Sehr interessanter Artikel. Ich bin dort Mitte September, meine Tochter heiratet da auf Schloss Hungen.Da ich die Gegend überhaupt nicht kenne, hat man so ein bissel Hintergrund.
    MfG

    Lausitzer

  3. #3
    Avatar von morzomo
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    Standard AW: Das Kriegsende in Hungen

    Hallo,

    das freut mich doch sehr, dass es jemandem gefallen hat. Ich hab mir da auch ordentlich Mühe gegeben. Ich hab nur leider im nachhinein mit erschrecken festgestellt, dass nachdem ich den Artikel eingescannt, den Text ausgelesen und stundenlang wegen der schlechten Texterkennungs-Software bearbeitet habe, er mittlerweile auch in weiteren Zeitungen online erschienen ist. Hätte ihn quasi einfach dort kopieren können und mir die ganze Arbeit sparen können, aber so ist das Leben. Und der Artikel stammte auch aus dem "Hungener Anzeiger" und nicht wie erst geschrieben vom "Licher Wochenblatt", ich hatte mich da vertan. Wie dem auch sei; schön dass es jemandem gefallen hat. Das Schloß ist schön, ich bin mir sicher das wird ne tolle Hochzeit.

    Liebe Grüße

    morzomo
    Geändert von morzomo (22-03-2019 um 22:30 Uhr)
    Das Leben ist ein Geben und Nehmen...man übergibt sich, man übernimmt sich.

  4. #4
    Avatar von Lausitzer
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    Standard AW: Das Kriegsende in Hungen

    Vielen Dank nochmal für deinen Artikel. So was liest man nicht so oft hier, eher ist man damit beschäftigt, sich gegenseitig zu beschimpfen, sich selbst zu erhöhen und andere fertig zu machen. Ich lese hier seit ein paar Jahren mit, ab und zu schreib ich was, aber Fazit für mich persönlich : Die letzten 2 Jahre kam nichts wirklich Neues. Meist alte Sachen neu aufgewärmt. Da sind solche Artikel schon informativ. Na gut, das meine Tochter in Hungen heiratet, ist nun der blanke Zufall, aber ich habe wieder was gelernt. Es sind gerade so die kleinen Details, die interessant sind und man noch nicht kannte.
    MfG

    Lausitzer

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